Munter Zinnober 2024 war der erste Versuch, Pilze und Licht gemeinsam zu einem Ausstellungsraum werden zu lassen — lange bevor daraus die Bachelorarbeit Fruchtkörper oder die späteren Zinnober-Serien wurden. Im September 2024 habe ich einen leerstehenden Kellerraum in der Hüttenstraße für ein paar Tage in ein Habitat verwandelt: Kapseln und durchsichtige Folienbeutel, in denen Austernpilz-Myzel wuchs, hingen zwischen warmen Lichtquellen von der Decke. Diesen Keller gibt es in dieser Form heute nicht mehr — die Fläche wurde neu bebaut und wird inzwischen von kleineren Projekten genutzt, unter anderem von der Werkstatt des Leine Lab e. V. In diesem Verein helfen sich lauter Menschen gegenseitig bei allen möglichen Dingen und mit ihrem Wissen weiter; ich nutze die Werkstatt bis heute sehr gerne und bin sehr dankbar für diese Offenheit.
Anders als bei späteren Arbeiten war hier noch nicht klar, wie viel vom Ergebnis ich kontrollieren konnte und wollte. Die Gefäße waren ein Mix aus ersten Keramikversuchen und einfachen, transparenten Beuteln — pragmatisch, improvisiert, näher an einem Experiment als an einer fertigen Formensprache. Genau das war der Punkt: herauszufinden, ob und wie Pilze in einem Raum überhaupt sichtbar, spürbar, atmosphärisch wirken können, wenn Licht dazukommt.
Eine Nebelmaschine lief die ganze Zeit im Hintergrund. Der Kellerraum — rohe Wände, nasser Betonboden, tropfende Leitungen — bekam dadurch eine fast surreale Stimmung: Die hängenden Kapseln lösten sich im diffusen Licht fast auf, wurden zu schwebenden, atmenden Formen statt zu Objekten. Der nasse Boden war dabei kein gestalterisches Mittel, sondern Zufall: Es hatte kurz vor dem Aufbau tagelang geregnet, Wasser lief durch Decke und Wände in den Raum — ich habe es einfach nicht weggewischt. Begleitet wurde die Ausstellung von einer Klanginstallation von Hannes Andere: Zu hören waren wachsende Strukturen, die den Raum akustisch ebenso durchzogen wie der Nebel ihn optisch durchzog. Besucher:innen liefen durch einen langen, engen Flur auf die Installation zu, bevor sich der Blick in den Hauptraum öffnete — bewusst als kleine Schwelle gedacht, ein Übergang von draußen nach drinnen, von normalem Alltag zu diesem anderen, pilzbewohnten Raum.
Die eigentlichen Pilze — Austernseitlinge — wuchsen direkt in den Gefäßen. Zum Zeitpunkt der Ausstellung befand sich das Myzel in allen Gefäßen noch in der Wachstumsphase, sichtbare Fruchtkörper gab es also noch nicht. Das Licht war einfach an — es flackerte nicht, anders als bei den späteren Ausstellungen zu diesem Thema, bei denen Licht begann, auf Wachstum und Signale zu reagieren. Hier ging es noch simpler zu: einfach zusehen, was passiert, wenn man einem Pilz einen Platz zum Wachsen gibt und ihn mit Licht umgibt.
Im Rückblick ist Munter Zinnober 2024 für mich der Moment, in dem die Grundfrage entstand, die seitdem durch fast alle meine Arbeiten läuft: Was passiert, wenn Gestaltung nicht allein von mir kommt, sondern von einem Lebewesen mitgetragen wird, das eigene Zeit, eigene Bedürfnisse und eigene Launen hat? Die Antwort war 2024 noch unfertig, ehrlich gesagt ist sie es bis heute. Aber genau diese Offenheit — das Zulassen von Kontrollverlust als Teil der Arbeit statt als Störung — hat sich seitdem als roter Faden durch Fruchtkörper, durch Zinnober 2025 und durch die Kapsel-Lampen gezogen, die inzwischen auf Anfrage erhältlich sind.