Poröse Porzellankapseln als Lebensraum für Austernpilz-Myzel — eine Auseinandersetzung mit Gestaltung als Beziehung statt Kontrolle. Ausstellung 21. Juni – 10. Juli 2025, Oeltzenstraße 13A, Hannover.
Fruchtkörper ist eine Serie poröser Porzellankapseln, die nicht für sich selbst gestaltet sind, sondern als Lebensraum für einen Mitbewohner: das Myzel des Austernpilzes. Die Frage, die die Arbeit trägt, ist keine rein formale, sondern eine der Beziehung — wie kann Gestaltung aussehen, wenn sie nicht mehr allein kontrolliert, sondern mit einem lebendigen, eigenwilligen Organismus geteilt wird? Theoretisch stütze ich mich unter anderem auf Donna Haraway und Anna Lowenhaupt Tsing, deren Blick auf Pilze als Mitbewohner statt Ressource für diese Arbeit zentral war.
Die Körper entstehen aus neun Gipsnegativformen — rund 180 kg Gips —, in mehreren zusammensteckbaren Teilen gegossen. Für die Wandung nutze ich eine Mischung aus Porzellan und Zellulosefasern, sogenanntes Papierporzellan, deren feine Kanäle den Scherben atmungsaktiv halten, ohne ihn instabil zu machen. Jedes Gefäß wird nur einmal gebrannt, unglasiert, bei 1250 bzw. 1175 Grad. Erst danach zieht die Körnerbrut ein: Auster-, Limonen- und Rosenseitling, je nach Kapsel.
Vom 21. Juni bis 10. Juli 2025 stand die Installation in einem Rohbauraum in der Oeltzenstraße 13A in Hannover. Besucher:innen betraten den Raum durch eine graue Stahltür, wuschen sich die Hände, zogen die Schuhe aus. Was sie dann sahen, war nicht vorhersehbar — die Fruchtkörper folgten keinem Skript. Gemeinsam mit Felix Repp habe ich versucht, die elektrochemischen Reize des Myzels messbar zu machen und in Lichtveränderungen zu übersetzen: Die Kapseln flackerten, reagierten, lebten sichtbar. Je nachdem, wie gut sich das jeweilige Myzel entwickelte, kippte die Szenografie zwischen zwei Polen — einer hoffnungsvollen, warmen Atmosphäre aus weichem Licht und wachsendem Ertrag, oder einer unheimlicheren, in der Fäulnis, falsches Myzel oder Geruch auf das Scheitern von Kontrolle verwiesen. Beide Szenarien waren als reales Ergebnis eingeplant — keines davon war „richtig".
Sobald die Fruchtkörper reif waren, wurden sie geerntet: ein bewusst ritualisierter Moment, der Wachstum, Ernte und Verzehr zu einem Kreislauf aus Genuss und Dankbarkeit macht. Traditionell endete das in einer gemeinsamen Kartoffelsuppe mit den frisch geernteten Pilzen, gekocht und geteilt im Hof.
Fruchtkörper ist deshalb weniger ein fertiges Objekt als ein offener Prozess, bei dem ich als Gestalterin nicht allein bestimme, sondern zuhöre, pflege und aushandle. Weniger Kontrolle, mehr Beziehung — das ist die Haltung, die diese Arbeit für mich zusammenfasst.